A.M. Kielbassa (Freiburg):

Die "Radiogene Karies": Ätiologie und therapeutische Konsequenzen

Wegen der sich im Anschluß an eine Bestrahlung einstellenden, ernsthaften funktionellen Unzulänglichkeiten (Sprachprobleme, Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme) sowie den äußerlich sichtbaren Folgen von Operation und Bestrahlung im Kopf-/Halsbereich (Gesichts-/Kieferdefekte, Narben, Epilation) leidet diese Patientengruppe besonders unter einer sozialen Stigmatisierung. Die Lebensqualität der Patienten bleibt durch die (unter anderem auch die Dentition betreffenden) Nebenwirkungen der Radiatio oft dauerhaft eingeschränkt. Trotz aller Bemühungen steht der Zahnarzt häufig einer foudroyant verlaufenden Karies gegenüber, die ihm oftmals wenig Handlungsspielraum läßt. Hieraus ergibt sich insbesondere post radiationem ein massiver zahnärztlicher Therapiebedarf, wobei nicht zuletzt umfangreiche prothetische und endodontische Maßnahmen indiziert sind.

Die Auswirkungen der Radiatio auf die Zahnhartsubstanzen sind seit längerem Gegenstand kontrovers geführter Diskussionen. So konnte u.a. gezeigt werden, daß Schmelz aus kariologischer Sicht durch eine tumortherapeutische Bestrahlung nicht beeinflußt wird. Demgegenüber blieben die Auswirkungen auf das Dentin in der Literatur bisher weitgehend unberücksichtigt. Hier konnte wiederum in eigenen In-situ-Untersuchungen gezeigt werden, daß hinsichtlich der Entstehung einer Initialkaries die Auswirkungen einer Bestrahlung auf Dentin zu vernachlässigen sind. Bestrahltes Dentin verliert jedoch unter dem Einfluß einer Radiatio drastisch an Härte.

Hierdurch könnte die Fähigkeit, den bedeckenden Schmelzmantel zu stützen, verlorengehen. Der klinisch häufig zu beobachtende teilweise Verlust des bedeckenden Schmelzes bis hin zum vollständigen Verlust des Schmelzmantels findet mit den strahlenbedingten Veränderungen des Dentins eine mögliche Erklärung. Gleichzeitig könnte die Erweichung des den Schmelzmantel unterstützenden Dentinkerns zu klinisch unbemerkten Mikrofrakturen in inzisalen oder okklusalen Regionen führen, die bei bestrahlten Patienten zu einer extremen mikrobiellen Besiedlung mit verstärkter Demineralisation führen würde. Bedingt durch die häufig irreversible, strahlenbedingte Mundtrockenheit ist eine ausreichende remineralisierende Wirkung des Speichels bei bestrahlten Patienten nicht zu erwarten. Aus diesem Grund zielen die derzeitigen Therapieansätze darauf ab, die Intensität kariogener Angriffe über eine Reduzierung der kariogenen Flora und die gleichzeitige Einhaltung entsprechender Diätpläne zu mimmieren. Fluoridhaltige Kariostatika sind in Verbindung mit Speichelersatzlösungen zur Kariesprophylaxe geeignet und tragen zusammen mit einem regelmäßig einzurichtenden Recallsystem dazu bei, die natürliche Dentition weitestgehend zu erhalten.



Korrespondenzadresse:
OA Dr. Andrej M. Kielbassa
Universitätsklinik für ZMK-Heilkunde der Albert-Ludwigs-Umversität Freiburg
Abt. Poliklinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie
Hugstetter Straße 55
D-79106 Freiburg


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