H. Pistner, J. Reuther (Erfurt/Würzburg):

Plastische MKG-chirurgische Eingriffe zum Verschluß von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten


Spaltbildungen des Gesichtes sind neben den Gliedmaßenfehlbildungen ("Klumpfuß") die häufigsten und bedeutungsvollsten angeborenen Fehlbildungen des Menschen mit einer Prävalenz von etwa 1 auf 500 Geburten. Eltern und manchmal auch medizinisches Personal erschrecken häufig bei der meist überraschenden Konfrontation mit dem Neugeborenen und seiner Fehlbildung. Hier ist es sehr wichtig, allen Beteiligten rasch zu zeigen, daß die Spalte gut behandelbar ist und dem Kind fast immer ein "normales" Leben bevorsteht. Eine normale sprachliche und kaufunktionelle Entwicklung sowie ästhetische Unauffälligkeit wird am besten durch ein gut abgestimmtes operatives Therapieprogramm in Kooperation mit Kinderärzten, Kieferorthopäden, Phoniatern, Kinderzahnärzten und prothetisch orientierten Zahnärzten erreicht.

Spaltbildungen können ganz unterschiedlich ausgebildet sein: Ausgedehnte Spalten verlaufen quer über das Gesicht; Minimal-Formen wie Lippenkerben oder die Uvula bifida fallen manchmal erst im Laufe der späteren Entwicklung eines Kindes auf. Entsprechend dieser Ausprägung ist -neben aller Standardisierung vor allem hinsichtlich Dokumentation- eine individuelle chirurgische Rekonstruktion in jedem Einzelfall angezeigt.

Lippenkerben und unvollständige Lippenspalten werden bevorzugt mit geraden oder wellenförmigen Schnittführungen korrigiert, da hier leicht mit der Narbe eine betonte Philtumkante imitiert werden kann. Bei durchgehenden Lippen- und Kieferspalten wird der Nasenboden mit einem Läppchen vom Septum konstruiert und mit einem kleinen Lappen aus dem Mundvorhof die Abdeckung zum Mundvorhof geschaffen. Insbesondere breite und seitenunterschiedliche einseitige Lippenspalten werden gerne mit den leicht kalkulierbaren Winkelschnittverfahren wie zum Beispiel dem nach Tennison-Randall verschlossen. Doppelseitige Lippenspalten können je nach Grad der Protrusion des Zwischenkiefers und Breite der Spalte zunächst mit einer Adhäsionsplastik nach Celesnik vorbereitet oder direkt mit einer Variation der geraden Schnittführung nach Veau verschlossen werden. Bei allen Verfahren wird besonders auf die Ausformung des Oberlippenringmuskels geachtet. Der Nasenflügel wird bei diesen Erstoperationen im Alter von etwa einem halben Jahr nur sehr schonend und vorsichtig mobilisiert, um Wachstumsstörungen zu vermeiden. Im Alter von etwa 18 Monaten wird von den meisten Zentren der Gaumen verschlossen. Die Brückenlappentechnik nach Langenbeck oder die Stiellappentechnik nach Veau sind die meist bevorzugten und sehr zuverlässigen Verfahren.

Nach Indikationsstellung durch den behandelnden Kieferorthopäden wird vor dem Durchbruch der permanenten Eckzähne eine "sekundäre" Osteoplastik zur Rekonstruktion des Alveolarkammes durchgeführt, um die Zahnbögen zu schließen.

Beim jungen Erwachsenen wird im Falle von kieferorthopädisch nicht ausgleichbarer Dysgnathie eine Umstellungsosteotomie vorgenommen, meist in der Le Fort I - Ebene oder kombiniert mit einer Unterkieferverlagerung. Nasenkorrekturen sollten sich erst danach auf der umgestellten knöchernen Basis anschließen.

Therapieergebnisse der Behandlung von Spaltpatienten können immer erst nach 20 Jahren endgültig ausgewertet werden. Die heutigen operativen und interdisziplinären Therapiekonzepte sind daher die Essenz von jahrzehntelanger Therapieerfahrung. Sie stellen einen ausgeglichenen Kompromiß zwischen möglichst frühzeitiger Operation und dadurch erhoffter unauffälliger psychischer und funktioneller Entwicklung auf der einen Seite und möglichst später Operation und dadurch erzielter geringerer narbenbedingter Wachstumshemmung auf der anderen Seite dar.

Korrespondenzadressen:
Autor: Priv.-Doz. Dr. Dr. Hans Pistner
Klinik für Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie
Nordhäuser Straße 74
99089 Erfurt

Mitautor:
Prof. Dr. Dr. JürgenReuther
Julius-Maximilian-Universität Würzburg
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer, Gesichtschirurgie
Pleicherwall 2
97070 Würzburgr


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