B. Leeming, A. Renk (Würzburg)

Funktionelle Beeinträchtigungen nach Tumorresektionen im Kiefer-Gesichts-Bereich: Untersuchungen zur Sprachlautbildung vor und nach defektprothetischer Versorgung


1 Einleitung
Die Wiederherstellung der Sprechfunktion nach defektsetzenden Operationen im Kiefer-Gesichts-Bereich spielt neben der kaufuntionellen und ästhetischen Rehabilitation eine entscheidende Rolle bei der sozialen Wiedereingliederung der Patienten.
Um den Erfolg oder Mißerfolg der defektprothetischen Versorgung in Bezug auf die Qualität des Sprechens zu bemessen, haben wir ein rechnergestütztes Meßverfahren entwickelt. Die hier vorgestellte Methode ist als Routineverfahren entwickelt und läßt sich wegen des relativ geringen Personal- und Zeitaufwandes in den klinischen Recallbetrieb integrieren.

2 Methodik
Bei dem hier vorgestellten Testwortverfahren werden die Patienten gebeten, 32 Testwörter auf ein Magnetbandgerät zu sprechen. Danach wird das Band zurückgespult, die Patienten werden aufgefordert, jedes einzelne Testwort (über Kopfhörervorgelegt) aus einer visuell dargebotenen Liste von sehr ähnlichen Wörtern wiederzuerkennen.
Der Test beinhaltet einsilbige Testwörter der Form Konsonannt-Vokal-Konsonannt, ergänzt durch die Alternative Vokal-Konsonannt. Der Testlaut befindet sich jeweils im Anlaut. Die Funktion des Gaumensegel z.B. wird durch die Plosivlaute "g" und "k" geprüft, da deren korrekte Ausbildung einen dichten velaren Verschluß des Mundes vom Nasenraum erfordert. Die Artikulation aller Konsonannten kann somit nach Art und Ort der Entstehung im Ansatzrohr beurteilt werden.
Auf diese Weise wurde die Sprechfunktion bei 13 Patienten nach Tumorresektion im Unterkiefer und bei 16 Patienten nach Oberkieferresektion untersucht. Die Messungen erfolgten jeweils vor und nach defektprothetischer Versorgung. Der prozentuale Anteil der richtig identifizierten Testwörter (Sprachverständlichkeit in %) ist dabei ein Maß für die Qualität der Artikulation der einzelnen untersuchten Konsonannten.

3 Ergebnisse
Bei den Patienten mit Oberkieferresektion wurde ohne prothetische Versorgung eine Verständlichkeit von ca. 53 % erreicht und konnte mit Prothesen auf einen Wert von 85% gesteigert werden.
In der Gruppe der Patienten mit Tumorresektion im Unterkiefer wurde die Sprachverständlichkeit mit defektprothetischer Versorgung (implantatgetragene Konstruktionen) zunächst sogar schlechter (ohne Prothese betrug die Sprachverständlichkeit 73%, mit Prothese 62% !). Bei einer Nachuntersuchung nach ca. 6 Monaten Tragedauer ergab sich in dieser Gruppe jedoch eine Steigerung auf eine Sprachverständlichkeit von 80%.

4 Diskussion und Schlußfolgerung
Die Ergebnisse zeigen, daß die sprachliche Rehabilitation bei Oberkieferdefekten mit Hilfe von Resektionsprothesen in der Regel kein nennenswertes Problem darstellt. Demgegenüber waren die Ergebnisse bei den defektprothetischen Versorgungen im Unterkiefer initial problematisch. Durch Adaptation bzw. durch das Sprechtraining konnten aber auch in dieser Gruppe nach durchschnittlich sechs Monaten Eingewöhnungszeit gute Ergebnisse erzielt werden.
Die hier erzielten Meßergebnisse sind bei der Aufklärung der Patienten hinsichtlich der Prognose der defektprothetischen Therapie von großer Wichtigkeit, weil die Patienten von den funktionellen Beeinträchtigungen (Kauen, Schlucken, Sprechen) die operationsbedingte Sprechstörung als die für sie gravierenste einstufen. Dies ist vor dem Hintergrund einer sozialen Wiedereingliederung von großer Bedeutung.

Korrespondenzadressen:
Dr. med. dent. Bruce Leeming
Mühlstr. 1 B
91484 Sugenheim
Email: leeming@hrb.de

Prof. Dr. med. dent. Alfred Renk
Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik der Universität Würzburg
Pleicherwall 2


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