K.A. Grötz (Wiesbaden):

Kaufunktion und Rehabilitation beim Strahlentherapie-Patienten

Das 5-Jahres-Überleben von Mundhöhlen- und Oropharynx-Karzinom-Patienten erreichte in den 90er Jahren 57 %. Diese Heilungsrate ist Ansporn, den Erhalt und die Wiederherstellung der Kaufunktion als Teil der orofazialen und damit psychosozialen Rehabilitation mehr in das Zentrum des Interesses zu rücken. Die wichtigen Folgen einer Kopf-Hals-Bestrahlung, Strahlenkaries, Radioxerostomie und Osteoradionekrose, verändern die Mundhöhlenökologie und erschweren die kaufunktionelle Rehabilitation erheblich. Sie stellen die zahnärztliche Betreuung vor besondere Aufgaben. Folgende Daten aus Forschungsvorhaben der letzten 10 Jahre beeinflussen das aktuelle Behandlungs-Konzept:

  1. Die Osteoradionekrose, als schwerste lokale Strahlenfolge, ist ohne konsequente Betreuung um den Faktor 3 häufiger [Dtsch Zahnärztl Z 56, 43-56 (2001)]; dies bestätigt die Bedeutung einer kontinuierlichen periradiotherapeutischen Betreuung durch Ärzte und Zahnärzte.
  2. Implantat-getragener Zahnersatz kann unter engmaschigem Recall auch nach Strahlentherapie mit ausreichend guter Prognose erfolgen [Mund Kiefer GesichtsChir 3, 117-124 (1999)]. Oft ist dies sogar der einzige Weg einer prothetischen Versorgung bei ausgeprägter Mundtrockenheit.
  3. Eine medikamentöse Prophylaxe der Radioxerostomie ist derzeit bereits möglich [Br J Oral Maxillofac Surg 39, 34-39 (2001)].
  4. Für die oft rasche Zahnzerstörung konnte - neben der Radioxerostomie - mit der Retraktion der Odontoblastenfortsätze erstmals eine direkte Strahlenfolge nachgewiesen werden [Strahlenther Onkol 173, 668-676 (1997)]. Sie erklärt die den Schmelz unterminierende Läsion plausibel.
  5. Es kommt schon sehr früh, vor einer Osteoradionekrose, zum Absterben der Osteozyten in der Kortikalis [Calcif Tissue Int 65, 8-10 (1999); Mund Kiefer GesichtsChir 3, 140-145 (1999)].

Die aufgeführten, wichtigen späten Strahlenfolgen müssen in einer Gesamtschau gemeinsamer Pathomechanismen und gegenseitiger Beeinflussung für die Mundhöhle gesehen werden. Die beiden letzten Punkte verweisen auf neue Prophylaxe-Ansätze, die Gegenstand aktueller Forschung sind. Insgesamt resultiert eine neue Perspektive für die kaufunktionelle Rehabilitation des Strahlentherapie-Patienten, eingebettet in eine periradiotherapeutische Betreuung.



Korrespondenzadresse:
PD Dr. Knut A. Grötz
Lehrauftrag an der Univ.-Klinik Mainz
Burgstrasse 2 - 4
65183 Wiesbaden
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