K.A. Grötz:

Zahnärztliche Aufgabenstellung beim Strahlentherapie-Patienten: Das periradiotherapeutische Betreuungskonzept


Der Erfolg multimodaler Therapien von Kopf-Hals-Malignomen durch Operation, Strahlen- und Chemotherapie ist durch verbesserte 5-Jahres-Überlebensraten nachhaltig belegt. Gerade die Bestrahlung geht dabei mit lokalen Therapiefolgen einher, die langfristig für den Patienten Bedeutung erhalten. Die früh auftretende radiogene Mukositis, die langfristig bestehende Radioxerostomie und die verzögert auftretende Strahlenkaries, sowie das Risiko der Osteoradionekrose bedürfen differenzierter Maßnahmen vor, während und nach der Radiatio.

1. Prä radiationem
Die zahnärztliche Aufklärung instruiert und motiviert zu dauerhaft überdurchschnittlicher Mundhygiene. Wichtig ist zwischen frühen, reversiblen Strahlenfolgen und irreversiblen, langfristigen Veränderung beratend zu differenzieren. Ein Ausblick auf die spätere kaufunktionelle und orofaciale Rehabilitation ist psychologisch vorteilhaft. Neben der Beratung nimmt die Beseitigung aller enoraler Entzündungsherde eine wichtige Rolle zur Prävention einer infizierten Osteoradionekrose (IORN) ein. Hierzu zählen die Entfernung nicht erhaltungswürdiger Zähne und die Sanierung von Zysten, Knochenkanten, Schleimhautdefekten etc., aber auch die Entfernung von Belägen und die konservierende Therapie am Restzahnstatus. Eine intensivierte Fluoridierung, meist mittels Applikator-Schienen, beginn bereits vor Radiatio.

2. Intra radiationem
In der Therapiephase stehen die Verminderung akuter Strahlenfolgen und die Vermeidung invasiver enoraler Behandlungen im Vordergrund. Die Mukositis ist auch heute noch der häufigste Grund für eine Therapie-Unterbrechung, so dass diesbezügliche protektive Maßnahmen eine hohe Relevanz haben. Hierzu zählen regelmäßige Mundspülungen (z.B. Panthenol), der Einsatz von Schleimhautretraktoren zur Dosisreduktion der Sekundärstrahlung, die Meidung externer Noxen (Nikotin, Alkohol, Säuren, heiße Speisen etc.) und eine Prothesenkarenz. Prophylaktische Maßnahmen an den Speicheldrüsen sind durch pharmakologische (Amifostin®, Venlot Depot®) und strahlentherapeutische Ansätze (intensitätsmodulierte Radiotherapie IMRT) an der Schwelle zum Routineeinsatz.

3. Post radiationem
Die Fortführung der Betreuung über das Abklingen akuter Strahlenfolgen (Mukositis, Geschmacksverlust etc.) hinaus ist ein wichtiges Anliegen, das dem Patienten vermittelt werden muss. Die Dauer der Prothesenkarenz wird nach individuellen Gesichtspunkten, wie Abklingrate der radiogenen Mukositis, Ausmaß der tegumentalen versus dentalen bzw. implantatgetragenen Abstützung u.a. entschieden. Dauerhaft aufrechtzuerhaltende Maßnahmen betreffen die Fluoridierung des Restzahnstatus und besondere Kautelen bei Eingriffen (systemische Antibiotika-Medikation, atraumatische Operation, Vermeidung scharfer Knochenkanten und primär plastische Deckung). Für die Radioxerostomie werden unterschiedliche Speichelersatzmittel und Sialogoga angeboten, wobei der therapeutische Wert, auch in Relation zum Nebenwirkungsprofil, kritisch beleuchtet werden muss. Gerade vor diesem Hintergrund hat die kaufunktionelle Wiederherstellung, als Teil der orofacialen und psychosozialen Rehabilitation, durch Implantat-getragene Versorgungen einen Quantensprung an Verbesserung realisiert.

Ausblick
Die IORN als lokal schwerste Strahlenfolge wird auch heute noch in über 60 % der Fälle durch eine ZMK-Ursache (dentogene Infektion, Zahnentfernung, Prothesendruckstelle etc.) ausgelöst. Kontinuierlich periradiotherapeutisch betreute Patienten weisen diese Ursachengruppe um den Faktor 3 seltener auf. Diese und andere Leistungen werden aber nur möglich, wenn alle sich gegenseitig beeinflussenden Strahlenfolgen in der Betreuung berücksichtigt werden. Dieses Anliegen und der Appell an eine intensive, interdisziplinäre Kooperation haben Eingang gefunden in die gemeinsame Stellungnahme der DGZMK und DEGRO.


Korrespondenzadresse:
Priv.-Doz. Dr. Dr. Knut A. Grötz
Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie
Burgstr. 2 - 4
65183 Wiesbaden
Lehrauftrag Univ.-Klinik Mainz



Startseite Kiefer-Gesichts-Prothetik

Weiter !

Zurück !